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„Unangenehme Sandwichposition“: Experte sieht Autozulieferer wie Bosch und ZF in Bedrängnis

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Von: Julian Baumann

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Ein Mercedes-Benz E200 fährt während einer Präsentation autonom durch ein mit Bosch-Sensoren ausgestattetes Parkhaus in Stuttgart.
Mercedes-Benz setzte beim autonomen Fahren früher auf Sensoren von Bosch. Inzwischen arbeitet der Konzern in diesem Bereich aber mit dem US-Unternehmen Nvidia zusammen. © Marijan Murat/dpa

Weil Software-Konzerne immer mehr in den Automarkt drängen, geraten Zulieferer wie Bosch oder ZF zunehmend in Bedrängnis. Sie geben sich jedoch nicht geschlagen.

Stuttgart/Friedrichshafen - In Baden-Württemberg haben nicht nur die weltbekannten Autobauer Mercedes-Benz und Porsche ihren Hauptsitz, sondern auch Marktführer unter den Autozulieferern. Dazu zählt vor allem der Technologiekonzern Bosch mit Sitz in Stuttgart und der Autozulieferer ZF mit Sitz in Friedrichshafen (Bodenseekreis). Jahrzehntelang waren die Autozulieferer die wichtigsten Lieferanten und Ansprechpartner für Komponenten und Software der Fahrzeugflotten von Mercedes, BMW, VW und Co. Durch den deutlichen Fokus auf die Software in modernen Fahrzeugen verschieben sich die Machtverhältnisse derzeit jedoch.

Vor allem beim autonomen Fahren arbeiten die großen Autohersteller inzwischen mit Software-Konzernen zusammen. Mercedes-Benz will ab 2024 beispielsweise jedes Auto mit Hard- und Software der US-Firma Nvidia ausstatten. Die US-Unternehmen Nvidia, Intel und Co. beliefern die Hersteller zunehmend mit den obligatorischen Chips und der dazu gehörenden Software. Laut einem Experten bleibt zwischen den Chipproduzenten und den Autobauern immer weniger Platz für die Komponenten der Autozulieferer. Bosch und die ZF Friedrichshafen geben sich den Software-Konzernen aber nicht geschlagen.

Bosch und ZF Friedrichshafen: Machtverhältnisse zwischen Herstellern und Zulieferern ändert sich

Die weltweite Automobilindustrie ist in mehrere Ebenen unterteilt, die traditionell Hand in Hand arbeiten, um der Kundschaft letztendlich ein fertiges Auto liefern zu können. Auf der obersten Ebene befinden sich die Hersteller wie Mercedes-Benz und Co. Darunter sind die großen Autozulieferer wie Bosch und die ZF Friedrichshafen, die den Herstellern fertige Komplettsysteme und Module liefern, berichtet das Handelsblatt. Diese Ebene wird laut der Wirtschaftszeitung „Tier 1“ genannt. Die unterste Ebene war bislang die der kleineren Zulieferer, die den großen Unternehmen die nötigen Komponenten liefern.

Durch den immer deutlicher werdenden Fokus auf hochmoderne Software und gewinnbringende Chipkomponenten sehen Experten aber eine Änderung der Machtverhältnisse in der Autobranche. „Die Zuliefererindustrie ist in eine unangenehme Sandwichposition geraten“, sagt Peter Fintl, Chipexperte der Beratungsgesellschaft Capgemini, laut dem Handelsblatt. Selbst die größten Autozulieferer Bosch, ZF und Continental müssten aufpassen, dass zwischen den Autobauern und den Chipherstellern noch Platz für die eigene Wertschöpfung bleibe.

Die Komponenten, die die großen Zulieferer an die großen Autohersteller liefern, werden auch weiterhin in der Autoproduktion bei Mercedes-Benz oder VW benötigt. „Man braucht jemanden, der die Bauelemente integriert, Baugruppen industriell fertigt und über den gesamten Lebenszyklus betreut“, erklärt Peter Fintl. Das große Problem für Bosch, ZF und Co. ist jedoch, dass das Chip- und Software-Geschäft mit Abstand die meisten Einnahmen erzielt.

Bedrohung durch Software-Konzerne: Bosch und ZF verfolgen unterschiedliche Strategien

Die Kooperation zwischen den Zulieferern Bosch und ZF mit Mercedes-Benz und den anderen großen Autokonzernen hält bereits seit vielen Jahren an. Obwohl die Software-Konzerne immer mehr in den Automarkt drängen, wollen sich die weltgrößten Autozulieferer nicht kampflos geschlagen geben. Bosch verfolgt den wohl ambitioniertesten Plan und hat bereits rund 30.000 eigene Softwarespezialisten in der Belegschaft. Zusammen mit der VW-Tochter Cariad will der Stuttgarter Konzern das autonome Fahren zu einer breiten Anwendung bringen.

Bei einer eigenen Chipfertigung, um sich langfristig von den US-Softwarekonzernen zu lösen, zögert Bosch derzeit aber noch. „Speziell bei Chips, die zum Beispiel in den zentralen Rechnern moderner Fahrzeuge zum Einsatz kommen, prüfen wir für die Zukunft strategische Optionen zu ‚make‘, ‚buy‘ und ‚partner‘“, sagte ein Sprecher auf Anfrage des Handelsblatts. Es sei zudem ungewiss, ob eigene Halbleiterkomponenten besser wären als die von Nvidia, Intel oder auch Tesla. Der US-Autobauer designt die Chips für den Zentralcomputer inzwischen selbst.

Die ZF Friedrichshafen hat sich dagegen offenbar mit einer Stellung zwischen Autoherstellern und Chip-Lieferanten arrangiert. Der Konzern aus dem Süden Baden-Württembergs ist als erster deutscher Autozulieferer überhaupt eine Kooperation mit Nvidia eingegangen. ZF liefert den Bordcomputer Pro AI unter anderem auch für Mercedes-Benz, in dem Chips von Nvidia verbaut sind. Eigene Softwareanwendungen kommen dagegen nicht zum Einsatz. Der Autozulieferer erhofft sich durch die Vorarbeit ein zusätzliches Geschäft, berichtet das Handelsblatt.

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